Grand Theft Auto 4 – Niko Bellics amerikanischer Traum

Grand Theft Auto 4 – Niko Bellics amerikanischer Traum

Im Videospiel Grand Theft Auto 4 sucht der serbische Immigrant Niko Bellic in Liberty City den amerikanischen Traum. Ich bin selber zwar kein Immigrant aber in der letzten Zeit fühle ich mich manchmal ähnlich wie Niko sich wohl bei seiner Ankunft in der fiktiven Großstadt fühlen musste.

Denn ich habe vor kurzem meine Wohngemeinschaft mit 8 Mitbewohnern in Bielefeld verlassen um alleine in die nordische Metropole Hamburg zu ziehen. Mein Abenteuer heißt deswegen: Grand Hamburg City.

Der Funkturm im Schanzenviertel von Grand Hamburg City bei mir in der Nähe

Im Gegensatz zu Niko lege ich mich normalerweise nicht mit der Russenmafia an, Date mich nicht übers Internet mit Homosexuellen und knalle sie dann beim Candlelight-Dinner ab und helfe auch nicht bei Crackdeals um die Ecke. Statt dessen mache ich gerade ein unbezahltes Praktikum bei MTV Game One und später zieht es mich für meine Masterarbeit zurück zu meinen alten Freunden, Dozenten und Kommilitonen bei ZEIT Online. Dieses Hamburg-Abenteuer ist für mich trotzdem jeden Tag spannender als alles, was Niko in Liberty City erlebt. Ich fliege hier keine Helikopter aber alleine die Wohnungssuche hier in der Hansestadt war bis zur Schlüsselübergabe spannend.

Jedes Mal wenn ich dann einen Fuß vor die Haustür setze und an der Straße entlang gehe, fühle ich mich stark an Liberty City erinnert: Die U-Bahn, der Hafen, die Masse an Leuten und vor allem die Dimensionen der Stadt Hamburg stehen Liberty City ins nichts nach.

Die Werbeplakate in Hamburg sorgen dazu noch für die direkte Assoziation im echten Leben mit dem Spiel. Ich würde mich nicht wundern wenn plötzlich Pisswasser-Werbung in Hamburg auftauchen würde. Meine Wohnung ist auch ähnlich klein und ungünstig laut gelegen wie das Loch in dem Nikos Cousin Roman lebt – dafür ist sie aber wenigstens sauber und aufgeräumt.

Sonnenuntergang hinter der St. Michaelis Kirche in Grand Hamburg City

Wer aber den Vorgänger GTA 3 – San Andreas kennt wird die Momente vermissen in denen man nach einem abendlichen Ausflug in die virtuelle Wildnis plötzlich Sehnsucht nach den Lichter der Großstadt verspürt und dann mit dem Düsenjet oder Rocketpack zurück zu seinem Apartment in Los Santos fliegt. Diesen abgedrehten comichaften Stil hat man bei GTA4 gegen einen gewissen Anspruch an Realismus eingetauscht. Und durch den unglaublichen Detailreichtum mit einer wirklich lebensechten Physik ist rein technisch auf ein wesentlich kleineres Gebiet beschränkt. Dadurch fühlen sich GTA 4 und GTA 3-San Andreas auch absolut unterschiedlich an. So ähnlich wie Bielefeld und Hamburg das auch tun.

Bielefeld und Hamburg sind für sich gesehen schöne Städte aber sie sind eben unterschiedlich. Hamburg hat die Reeperbahn und Bielefeld hat…öhm…. Egal. Der Detailgrad vom neuen Autodieb ist so extrem hoch, dass man im Spiel Fernsehn gucken kann. Und im Gegensatz zum echten TV-Programm ist es wirklich unterhaltsam. Bis auf die Sendung Game One auf MTV natürlich. Auch die Freunde und Freundinnen im Spiel wollen wie im echten Leben auch mal was von einem hören. Deswegen kann man Bowlen, Darten und Billard in den zahlreichen Kneipen spielen. Ein Besuch im Stripclub tut es natürlich auch.

Wenn ich im Spiel meine Freundin Michelle zum Essen einlade oder Arbeiten gehe damit ich etwas Geld auf dem Konto habe denke ich immer, dass ich das ja selber auch mal wieder machen müsste. Oder wenn Niko von seinen Freunden in Serbien erzählt die er zurück gelassen hat. Oder seine Mutter ihm eine eMail schreibt weil sie ihn vermisst. Oder Niko sich beschwert, dass er die Stadt noch nicht so gut kennt. Das sind dann die Momente in denen ich mich mit dem Protagonisten verbunden fühle weil ich in einer ähnlichen Situation bin. Der Freundeskreis bliebt zu großen Teilen in Bielefeld zurück und für mich ist vieles neu hier. Vielleicht ist das auch der Grund warum ich mir keine Spiele mehr antun kann bei denen es darum geht die Prinzessin zu retten.

Ich brauche erwachsene Spiele wie Grand Theft Auto 4 weil ich mich darin verstanden fühle. Es macht einfach Spaß Niko bei seinem Rachefeldzug zu begleiten und moralische Entscheidungen treffen zu können. Dieser enorme Handlungsspielraum der auch Einfluss auf die Story hat läd einfach ein. Genauso wie ich jeden Tag Einfluss auf mein persönliches Abenteuer in Grand Hamburg City habe. Und genau wie bei GTA4 wird das auch mit jedem verstrichenen Tag ein Stück besser. Auch wenn ich dafür vieles hinter mir lassen musste. »Things will be different«.

Grand Theft Auto IV: Keine Spielewelt ist glaubhafter, umfangreicher und packender als Liberty City durch die Augen des GTA-Protagonisten. Marc

9
von 10
2008-05-18T00:13:23+0200

/me hört Michael Hunter – Soviet Connection

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38 Antworten

  1. Avatar von st
    st

    @Marc: Du meinst wie dein Bruder bei seinem Mario Galaxy Review? ;)

  2. Avatar von Marc
    Marc

    Ich glaube nicht, dass Mario Galaxy ein schlechtes Spiel ist. Es ist nur nichts mehr für meine Altersklasse. Ich habe keine Motivation immer wieder die bekloppte Prinzessin zu retten. Mhh, das erinnert mich an etwas.

    GTA hat etwas, das mich motiviert. Ich fühle mich bei der Theamtik und der Story als Spieler verstanden. Das tue ich bei diesen bunten Spielen von Nintendo nicht mehr.

  3. Avatar von Goregrinder
    Goregrinder

    Hallo zusammen!
    Was ich in nach wie vor schaden finde ist das ewige ’nicht mehr meine Altersklasse‘-Getue. Klar Marc, es ist Dein Blog und wenn ich den nicht interessant fände würde ich da auch nicht mitschreiben. Aber findest Du es auf die Dauer nicht ein wenig eindimensional? Für jemand der so viel mit Medien zu tun hat wie Du kann ich mir das eigentlich nicht vorstellen das Du solche Sachen so kategorisch ausschließt und abstempelst. Auch wenn ich Spiele wie ‚Gears Of War‘ oder ‚Halo‘ nicht mein Ding sind, so erkenne ich trotzdem Ihr Potenzial und Ihre Berechtigung. Denn was von wem gespielt wird kann ich nicht beeinflussen. Es gibt nun mal Spiele die so sind wie sie sind und die nicht gerade wenigen Leuten gefallen. Du musst sie ja nicht spielen. Anders herum könnte ich ja auch sagen, daß die Art und Weise der Aufbereitung der Themen in GTA (ab III) nur pubertären Jungs Spaß machen kann, denn die fühlen sich mit dem virtuellen Schießeisen und den dicken Autos stark. Andere Ansätze zur Problemlösung gibt es bei GTA i.d.R. nicht, außer Hot Coffee. Außerdem finde ich es ein wenig bedenklich wenn Du sagst, das Du Dich „bei der Thematik und der Story als Spieler verstanden“ fühlst. Nicht dass Du hier noch zum Killer-Spieler mutierst und dich durch San Hamburg autotheftest! Sowie Tausende kleiner Mädchen zu Hard-Core-Pferdewirtinnen werden weil sie ‚Mein kleiner Ponyhof 2’ spielen! ;) Aber vielleicht solltest Du mal raus vor die Türe gehen, in reale Kneipen und reale Menschen treffen und real Pool oder Darts spielen. Wohne leider im Südwesten Deutschlands, ansonsten hätte ich gesagt man trifft sich mal, denn Hamburg ist eine tolle Stadt und bietet mannigfaltige Möglichkeiten des Zeitvertreibs!

    Denke, wenn Du bei GTA IV von ‚erwachsenem Inhalt‘ redest, dann solltest Du eigentlich die STADT als diesen Inhalt sehen, nicht die Story. Diese ist banal, zweitklassig und ohne weitere Finessen. Die Darstellung der Stadt ist es was dem Spiel seine Besonderheit gibt. Dies ist die eigentliche Satire – was ich als ‚erwachsenen‘ Inhalt ansehen würde. Alles andere ist ‚Räuber und Gendarm‘.

    Zum Thema Kritiken:
    Das Problem bei Spielen ist, das sie im Gegensatz zu z.B. Filmen oder CDs zum Teil recht komplex sind. Gerade bei so Spielen wie GTA (oder Black & White oder Fable oder Gothic oder Oblivion oder Deus-Ex oder oder) gibt es das Phänomen das hier ganze Spielwelten erschaffen werden, angefüllt mit Details die es auszuprobieren und zu entdecken gilt. Die Interaktion mit der Umwelt ist das besondere an diesen Spielen, die sich weg vom Hardrail-Shooter á la „Gears Of War“ oder „Call Of Duty“ entwickeln. Wichtig ist es, wie die Welt auf mich (als Spielfigur) aber auch auf sich reagiert. Gothic I hatte für damalige Verhältnisse eine gute Programmierung der NSCs, diese hatten einen eigenen Tagesablauf und man fand sie mal hier mal dort. Spiele wie das Freeware-Roguelike „Dwarf Fortress“ gehen noch weiter; bei besagtem Titel entsteht die Welt in der man spielt, es werden Jahrhunderte im Vorfeld berechnet, mit Gletscherschmelze, Entstehung von Flüssen, Wüsten und vielem vielem mehr. Die Questen und Abenteuer werden von mal zu mal individuell generiert, schließlich wird alles was man auf der Spielwelt treibt in eine Art Chronik geschrieben und es ist gut möglich, das man als Abenteurer auf die Ruinen der eigenen Zwergenfeste vom letzten Spiel trifft, diese dann aber von Goblins bevölkert vorfindet. Dieses Spiel zu rezensieren ist fast unmöglich, man kann höchstens anmerken das die Grafik nicht jedermanns Sache ist, man ein wenig Zeit zur Einarbeitung braucht, es einen dafür aber mit 100 Stunden Spaß belohnt, Tendenz nicht abreißend.
    Ich denke das GTA IV in punkto Darstellung der Spielwelt Maßstäbe setzen wird. Auch wenn das Spiel grafisch gut ist, ist dies der letzte Punkt auf den es ankommt wenn Atmosphäre erzeugt werden soll. Es geht hier vielmehr um kleine Details im Ablauf. Man nehme die Freizeitaktivitäten: auf Grund der vielen integrierten Indoor-Spiele (in diesem Fall kann man den Fachterminus ‚Minispiele’ anwenden) folgt man nicht nur plump dem Plot, sondern erlebt diese Welt. Fand es bei San Andreas schon eine gelungene Abwechslung, aber noch nicht gut genug um es als weitere Ebene im Spiel zu sehen, im Gegensatz zu den Möglichkeiten den Charakter optisch zu entwickeln.
    Für mich stellt sich nur die Frage, wie weit geht das Ganze? Ab wann muß mein Avatar seine Wäsche waschen, seine Zähne putzen, auf’s Klo gehen, … Wird es dann noch interessant sein? Was will ich dann von so einem Spiel, das mir eigentlich die Realität vorgaukelt. Wer denkt das es nicht weiter gehen wird dem kann ich getrost sagen, dass damals (1985) ‚Little Computer People’ auf dem C64 ein bis dato nie gekanntes Maß an Interaktion bot. Heute kann man da müde drüber lächeln, aber was wird in 20 Jahren sein? Da kann man sehr wahrscheinlich über GTA IV nur müde lächeln. Fragt sich nur ab wann die reale und die fiktive Welt miteinander verschwimmen?! Bleibt spannend!

    MfG

  4. Avatar von Marc
    Marc

    Für jemand der so viel mit Medien zu tun hat wie Du kann ich mir das eigentlich nicht vorstellen das Du solche Sachen so kategorisch ausschließt und abstempelst.

    Doch. Mittlerweile schon. Videospiele haben mittlerweile mindestens ebenso viele Facetten wie Filme. Genauso wie ich mir die Teletubbies oder preisgekrönte Trickfilme für Kinder nicht mehr gebe, habe ich nur noch Zeit für die Dinge die ich wirklich gut finde. Deswegen schließe ich manche Genres mit bestimmten Altersklassen einfach aus.

    Denke, wenn Du bei GTA IV von ‚erwachsenem Inhalt‘ redest, dann solltest Du eigentlich die STADT als diesen Inhalt sehen, nicht die Story. Diese ist banal, zweitklassig und ohne weitere Finessen.

    Nenn es Story, Setting oder wie Du magst aber genau das meinte ich. Es ging mir um das Gefühl das man hat, wenn man GTA spielt. Ich habe das Gefühl dabei, dass es eines dieser Videospiele ist welche die Art der Unterhaltung voran treiben. Was irgendwelche Minispiele oder „Held rettet Welt oder Prinzessin“-Stories einfach nicht haben. Noch dazu ist es technisch ein Meilenstein und es macht einfach Spaß. Und das auf vielen Ebenen und nicht einfach nur wegen des Spieles wegen. Ich glaube dafür bin ich echt einfach zu alt und meine Zeit mir zu schade.

    Zum letzten Satz: Das Auge spielt mit.

  5. Avatar von Goregrinder
    Goregrinder

    Ich glaube dafür bin ich echt einfach zu alt und meine Zeit mir zu schade

    Nee, das glaube ich nicht. Wart’s ab, in 10 Jahren wirst Du die ‚alten‘ Sachen wieder rauskramen und in Nostalgie schwelgend GTA IV spielen. Ich kann Dich schon verstehen, gute Grafik ist eine klasse Sache, aber nicht jedes Spiel braucht das zwingend. Nimm mal Crayon Physics. Die grafik ist zweckmäßig, aber nicht non plus ultra. Das Spiel lebt von anderen Sachen. Genau so wie es Cartoons und Comics gibt. Der grafische Unterschied ist gigantisch, aber der Gesammteindruck beinhaltet auch die Story. War gestern in Indiana Jones IV. Die Special-Effects und die Kulissen sind nett anzusehen gewesen (und vermitteln einen gewissen ‚Retro-Style‘ in punkto Tiefe und Einstellung der Bilder) aber das gewisse Indy-Feeling kam nur in ansätzen rüber. Vielleicht auch weil dieses ganze Ausserirdische (UFOs, Area 51, Inkas/Atzteken, …) eher ein amerikanisches Publikum anspricht im Gegensatz zu den Nazi- und Kirchenthemen in Teil I und III. Und da frage ich mich bis heute noch, warum nicht ‚Fate Of Atlantis‘ verfilmt wurde, das war vom Stoff her nämlich irre gut, auch wenn es ein pixliges Point-And-Click Adventure war/ist.
    Was GTA angeht gebe ich Dir recht, das ist was ganz besonderes was die Atmosphäre angeht (nenne es mal ‚Setting‘ ;) ). Denke das im nächsten Teil auch wieder die weitläufigen Landstriche eingebaut werden. Überlandfahreten (und Flüge) waren bei San Andreas ein Knaller. Oder Sonnenuntergänge auf Mount Chilliad oder oder oder …

    MfG

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