Ich kannte das Phänomen – aber nicht das Wort dafür. Wenn man bei einem Detail schluderig ist, dann zieht das schnell Chaos von anderen nach sich. Wird eine zerbrochene Fensterscheibe nicht repariert, sind bald alle Scheiben im Haus zerbrochen. Übertragen habe ich den Effekt im Alltag, in Projekten und in Teams oft beobachtet.
Dank meiner Kollegin Lana, weiß ich seit gestern, dass es dafür einen Namen gibt: Die Broken-Windows-Theorie. Manche reden vom Broken-Windows-Effekt, was allerdings nicht ganz richtig ist, da das Phänomen nie wirklich bewiesen wurde.
Broken-Windows-Theorie: Experiment der Stanford University
1969 stellte der Stanford-Psychologe Philip Zimbardo zwei identische, scheinbar verlassene Autos ab – eines in der Bronx, eines im wohlhabenden Palo Alto. In der Bronx wurde das Auto binnen Stunden zerstört, in Palo Alto blieb es eine Woche unberührt. Erst als Zimbardo selbst eine Scheibe einschlug, beteiligten sich auch dort Passanten an der Zerstörung.
Die Erkenntnis: Sichtbare Zeichen von Vernachlässigung signalisieren, dass „niemand sich kümmert“, und senken die Hemmschwelle für weiteres Fehlverhalten.
More chaos brings more power.
Switch Angel – Coding Trance
More power brings more control.
Broken Windows in der Praxis: New York in den 1990ern
Ein bekanntes praktisches Beispiel für diese Idee gab es in den 1990er-Jahren in New York. Der damalige Bürgermeister Rudy Giuliani ließ gemeinsam mit Polizeichef William Bratton eine Polizeistrategie umsetzen, die sich stark an der Broken-Windows-Theorie orientierte. Die Polizei ging gezielt gegen kleinere Regelverstöße vor – etwa Graffiti, Schwarzfahren in der U-Bahn oder öffentliches Trinken. Die dahinterstehende Idee: Wenn schon kleine Störungen konsequent beseitigt werden, entsteht gar nicht erst das Signal, dass sich niemand um Ordnung kümmert. In den folgenden Jahren ging die Kriminalität in New York stark zurück. Ob dieser Rückgang tatsächlich hauptsächlich auf diese Strategie zurückzuführen ist, wird allerdings bis heute unter Kriminologen diskutiert.
Quelle: George L. Kelling / Catherine Coles – Fixing Broken Windows: Restoring Order and Reducing Crime in Our Communities (1996).
Was ich mit der Broken-Windows Theorie verbinde
Wenn ein kaputtes Fenster nicht repariert wird, signalisiert das: Hier kümmert sich niemand. Also werden weitere Fenster eingeworfen. Und wo sich niemand kümmert, folgen weitere Regelbrüche. Aber es geht nicht nur um Städte oder Kriminalität. Es geht um Signale:
- Eine unklare Dokumentation sendet das Signal, dass dies nun für alle toleriert werden kann.
- Wenn einer im Büro die dreckige Tasse nicht in den Geschirrspüler stellt, dann stellt der nächste seine dreckige Tasse daneben.
- Eine tolerierte Verzögerung im Projekt bleibt selten die letzte.
- Wenn ich einmal Krafttraining aussetze, erleichtert es das Absagen in der Zukunft.
- Bei einem Schmutzstreifen an ansonsten weißen Wänden im Haus werden Kinder unachtsam und sorgen schnell für weitere.
Subtile, aber sichtbare Fehler führen am Ende zu mehr Chaos. Vielleicht ist das die eigentliche Stärke der Theorie: Wer die kleinen „kaputten Fenster“ früh repariert, verhindert später große Probleme.
Jetzt habe ich Lust, mal wieder SimCity zu spielen.







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