Deichkind in Müll

Neben ersten Charterfolg mit »Bon Voyage« folgte dann später mit »Limit« ein musikalischer Wechsel hin zu einem Mix aus Elektromusik und Hip-Hop. Bekannt sind die Görn aus Hamburg-Bergedorf aber mittlerweile für ihre abgedrehten Konzerte zu den mit der Musik zu ihren beiden letzten Alben Aufstand im Schlaraffenland und Arbeit Nervt. Nun haben die Deichkinds mit Deichkind in Müll in Hamburg eine sog. Diskurs-Operette u.a. zusammen mit Ted Gaier und Pheline Roggan auf die Bühne gebracht – und ich war dort.

Der Anfang war noch relativ normal.

Party trifft auf Theater

Schon beim Reinkommen fiel die spezielle Anordnung der Sitzplätze auf. Links und rechts zwei kleine Tribünen jeweils auf das Geschehen auf der Bühne ausgerichtet. Vor der Bühne steht auf einem Podium ein Tisch mit Stühlen für die Band. Dann folgt eine relativ große Tribüne bei der wir immerhin in Reihe 5 gesessen haben. Davor tummelten sich noch einige Gäste die sich zum Teil wie bei Deichkind-Konzerten üblich verkleidet hatten. Das Publikum war angenehm gemischt. Nur die Leute vor der Bühne bestanden hauptsächlich aus angetrunkenen Jugendlichen während auf der Tribüne tatsächlich das gefühlte Alter bei 25 aufwärts bis 50 ging.

Wenn man so wie wir im Dezember 2009 auf einem der berüchtigten Deichkind-Konzerte gewesen ist, dann hat man schon eine gewisse Erwartungshaltung gegenüber einem solchen Event: Es kann dort nämlich schlicht alles passieren. So kann es passieren, dann man später gebiert und gefedert nach Hause gehen darf. Und so fing auch die Operette so an wie die letzten Konzerte: Hinter einem weißen Tuch sieht man die mit bunten LEDs bestückten Pyramidenhelme der vier Bandmitglieder leuchten während sich das Anfangssample aus »Arbeit Nervt« immer wiederholt um mehr und mehr Spannung aufzubauen.

Diesmal entlud sich die Energie nach einigen Minuten nicht mit dem Start des Songs mit dem damit verbunden Lichtermeer. Stattdessen legte der herabgefallene Vorhang den verlassenen und überall mit Müll beklebten Bühnenaufbau frei. Die  Hüpfburgen fielen allmählich sich zusammen fielen während die Musik immer langsamer wurde. Elektronischer Lärm. Stille.

Diese Szene der Performance hatte absichtlich keinen Ton

Viva la Revolución

Dann folgt eine Szene, bei der eine mit den Mülltütenkostümen bekleidete Gruppe von Akteuren wie in wie in Zeitlupe zu einer verstörenden Elektromusik die Yippie Yippie Yeah-Fahne auf die Rampe der Bühne hochhievten. „Die Remmidemmi-Fahne erinnert Ted Gaier an Eugène Delacroix` Gemälde der Französischen Revolution„. Während dessen verrenkte sich eine Darstellerin in dem Schlauchboot und steckte die Tiermasken auf Arme und Beine während sie selber kopfüber im Gummiboot lag.

Danach kam dann Ferris MC mit einem Schiedsrichter-Hochstuhl auf die Bühne. Ferris ist seit 2008 Mitglied der Band und ehemals einer der fertigsten Typen im Musikbusiness. Es folgte ein guter aber auswendig gelernter Text darüber, was Kritiker im Vorfeld denken könnte, was Deichkind mit ihrem Stück aussagen würde. Verpackt war die Ansprache in ein Gewand aus hochgestochenem Deutsch. Der Inhalt war im Prinzip auch absolut korrekt aber durch der Umstand, wie und vor allem von wem es vorgetragen wurde, war schon wirklich sehr witzig – und auch irgendwie selbstironisch. Das die Jungs ziemlich schräg aber sympathisch sind, haben sie mir damals schon mit dem Bau der Zitze bewiesen.

Bild von den Proben zu Deichkind in Müll – Bild: @kloeterklikke

Als nächstes kamen Philipp und Porky auf die Bühne – und zwar wie im Spiegel-Interview angekündigt völlig nackt. Natürlich haben sie Kleidung angehabt.  Mit nackt ist ihre private Alltagskleidung gemeint. Man kann sich schon vorstellen, dass man sich von dem was normalerweise bei Deichkind auf der Bühne passiert irgendwie im Kopf distanzieren muss. Dies klappt wohl am einfachsten durch eine sprichwörtliche zweite Haut in die man schlüpft.

Erfrischend anders

Nach etwas Rumalberei über eine alternative Eröffnung des Stücks kam man dann zu der sog. Bandaufstellung. Das lehnte sich an die Familienaufstellung, »eine Form der Systemaufstellung innerhalb der Systemischen Beratung« (wikipedia) an. Die Szene sollte meiner Meinung die Rolle von Ferris MC als neues Bandmitglied und die Verarbeitung des  plötzlichen Todes  des Anfang 2009 verstorbenen Sebastian Hackert innerhalb der Band verdeutlichen. Sebi war maßgeblich für den einzigartigen Sound von Deichkind verantwortlich. Und nicht etwa DJ Phono. Der hat sich in erster Linie den Bühnenaufbau ausgedacht und läuft unter »Tour DJ«. Auf seiner Webseite steht sogar:

Obwohl die Mitgliedschaft in der Formation Deichkind einen anderen Menschen aus ihm gemacht hat, darf man DJ Phono nicht mit Deichkind verwechseln. Er produziert keine Musik für Deichkind und spielt sie auch nicht in seinem dj set, denn sie gefällt ihm nicht.

Anschließend wurde dann »Luftbahn« performt in dem alle am Tisch sitzen geblieben sind. Ein irgendwie ergreifender Moment.

Ein weiteres Highlight war die geräuschlose Performance des Songs »Aufstand im Schlaraffenland« bei dem nicht ein Ton aus den Lautsprechern drang. Bei dem Lied »23 Dohlen« wurde uns als Zuschauer kurzerhand ein sprichwörtlicher Blick hinter die Kulissen gewährt: Die Bühne wurde umgedreht und wir konnten sehen, wie die Akteure auf ihren Einsatz warten. Dabei wurden die Gedanken der Menschen auf der Bühne über die Lautsprecher für den Zuschauer hörbar gemacht. Und wer sich fragt, wie die reichen Eltern wohl reagieren, wenn die Tochter ihre Party auf Facebook ankündigt und die Wohnung verwüstet wird, fand dazu die Antwort an diesem Abend. Einzig der Regenschirmtanz zu »Papillon« von DJ Phono war ein wenig langatmig und irgendwie habe den Punkt der Vorstellung wohl auch nicht verstanden.

Specialguests

Sehr schön fand ich den Auftritt von Friedrich Liechtenstein. Er hat nicht nur ein paar Störenfriede vor der Bühne hart aber sympathisch zurecht gewiesen. Auch die Wirkung des Songs Hört ihr die Signale von Frauen vorgetragen ist irgendwie befremdlich und wurde später auch thematisiert als es darum ging, ob Deichkind auch mit einer Frauenbesetzung funktionieren würde. Auch die Kraftwerk-Parodie zu »Ich und mein Computer« hat man von den Konzerten direkt übernommen aber funktionierte auch hier.

Weiterhin wartete noch eine leider defekte Bierdusche in einer Telefonzelle auf ein paar Gäste und eine gefakte Abstimmung mit Knopf an den Sitzen, ob »Arbeit nervt« denn vom Publikum als Kritik an Hartz IV-Empfängern verstanden würde. Auch die Umfrage auf der Homepage zum Thema Deichkind wurde ausgewertet. Das natürlich gefälschte Ergebnis von 66% für »ja« löste bei der Band so viel gespielten Ärger aus, dass eine Kralle an der Decke der Halle Müllsäcke auf das stehende Publikum vor der Bühne fallen ließ.

Schminke wieder drauf

Am Ende zogen sich Porky und Philipp ihre Neon-Müllsack-Kostüme an und legten die Bühnenschminke auf. Die Botschaft ist klar: Wir haben uns für euch ausgezogen und nun ziehen wir uns wieder an. Mir persönlich kam das das Event wie ein Remix der Bühnenshow vor. Und genau da liegt auch der Knackpunkt. Ich vermute, dass man einen deutlich schwierigeren Zugang zu dem »Stück« hat, wenn man nicht das Original kennt. Denn dann versteht man nicht unbedingt, dass man sich hier sehr stark selbst reflektiert hat – und man selber als Zuschauer auch ins Grübeln kommt warum man ein paar Monate zuvor in der tobenden Menge so viel Spaß hatte. Vielleicht haben es ein paar Jugendliche auf den Punkt gebracht, die vor der Halle von den Akteuren interviewt wurden: »Klar, wir saufen alle natürlich nur den ganzen Tag und haben keinen Bock auf Arbeit.« Den Nachsatz »Das war natürlich ironisch gemeint!« war dabei schon überflüssig. Und auch wenn es gut verpackte Sozialkritik mit oder diesmal ohne Partyoutfit ist, so macht es dennoch alles riesig Spaß. Egal ob Konzert oder »Diskurs-Operette«.

Meet and Greet

Es war ein sehr persönlicher Abend zusammen mit der Band. Für mich eine schöne intelligente Erweiterung der Konzerte und meiner Meinung nach hat der offene Diskurs auch funktioniert. Ich hätte mir noch »Show’n Shine« gewünscht weil ich gehofft hatte, dass die Elemente aus dem Video, welches vor den Konzerten manchmal gespielt wird, schön in das Stück gepasst hätten. Aber auch so hat es sich absolut gelohnt und hat mir gezeigt, dass mehr hinter Deichkind und den Leuten dahinter steckt als man vielleicht zuerst denken könnte.

4 Antworten auf „Deichkind in Müll“

  1. Lustiger Funfact: Der Text am Anfang zum Song 23 Dohlen ist japanisch und bedeutet übersetzt:

    Warum zähle ich die schwarzen Krähen?
    Dann gehe ich nach Florida und sehe pinke Flamingos




    0
  2. Wirklich ein sehr gelungenes Stück und ein toller Mix aus Party und Reflexion! Ich werde immer mehr Deichkind-Fan :)

    vom Publikum als Kritik an Hartz IV verstanden

    es müsste heißen: „an Hartz IV-Empfängern“




    0
  3. Immer wieder schön anzuhören:

    … Wir fahren mit der Luftbahn durch die Nacht. Der Mond scheint nur für uns Gleich haben wir es geschafft. Und all die Probleme auf der Erde liegen für uns in weiter Ferne …

    Zu meinem erstaunen passt Ferris MC … Verzeihung: Ferris „Hilton“, ziemlich gut zu Deichkind..

    PS: R.I.P Sebi




    0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website zeigt Benutzerbilder über gravatar.com an.