Krav Maga: Angreifern gepflegt in die Eier treten

Als Sebastian mich das erste Mal zum Krav Maga mitgenommen hat, hatte ich keine Ahnung, was das überhaupt ist. Hätte für mich auch ein israelischer Tanz sein können. War es nicht. Stattdessen haben wir gelernt, uns gegenseitig in die Eier zu treten.

Alle tragen schwarz

Die Atmosphäre in der Gruppe hat mir von Anfang an gefallen. Wir standen gemeinsam in einer Reihe, alle in Schwarz. Anfänger neben Leuten, die schon wesentlich länger dabei waren. Auch die Trainer sahen im Grunde genauso aus wie wir. Eine auffällige Rangordnung, wie ich sie mit den verschiedenen Gürteln bei anderen Kampfkünsten verbinde, habe ich bei uns nicht wahrgenommen.

Zu Beginn und am Ende gab es ein gemeinsames „Kida“ als respektvolle Verbeugung. Ansonsten wurde zusammen trainiert. Ich konnte als Anfänger mit den erfahreneren Leuten üben und musste mich nicht erst irgendwo hocharbeiten, um dazuzugehören.

Krav Maga ist kein Kampfsport

Beim Krav Maga geht es darum, eine gefährliche Situation möglichst unbeschadet zu überstehen. Dafür gibt es keine Punkte, keine echten Wettkämpfe und schön aussehen muss es auch nicht. Das ist ein wichtiger Unterschied zu Kampfsportarten wie Kung-Fu. Wir haben Schläge und Tritte geübt, uns aus Griffen und Umklammerungen befreit und Angriffe von hinten durchgespielt. Auch Messerabwehr gehörte zum Training. Gerade dabei wurde mir klar, wie wenig ich mich auf eine solche Situation einlassen möchte. Dass ein Bewegungsablauf im Training klappt, macht einen echten Messerangriff schließlich nicht ungefährlich.

Mindestens genauso wichtig war deshalb, die Umgebung im Blick zu behalten. Wo sind die Ausgänge und wer steht hinter mir? Kann ich gehen, bevor die Situation eskaliert? Wenn ich mit meiner Familie unterwegs bin, müssen auch alle anderen mitkommen. Einfach loszurennen reicht dann nicht. Dieses frühere Wahrnehmen von Problemen habe ich aus dem Training mitgenommen.

Selbst in die Eier treten muss man lernen

Gefühlt endete erstaunlich viel mit einem gepflegten Tritt in die Eier. Entsprechend wichtig war der Tiefschutz. Auch die Frauen trugen passende Schutzausrüstung, teilweise zusätzlich einen Brustschutz. Trotzdem musste ich mich erst einmal überwinden, bei meinem Trainingspartner richtig zuzutreten. Man weiß, dass er geschützt ist und wir genau dafür dort stehen. Die Hemmschwelle ist trotzdem da.

Neben der Technik mussten Sebastian und ich also auch lernen, uns das gegenseitig zuzutrauen. Irgendwann konnten wir uns dann munter volles Mett in die Eier treten. Mit Tiefschutz, versteht sich. So hatte ich mir unsere gemeinsame Freizeit vorher auch nicht vorgestellt.

VIDEO: Eine Szene aus dem Training. Freundlicherweise bereitgestellt von unserem Trainer Julian Kramar. Mit im Video sind Sebastian und ich.

Technik funktioniert auch ohne Luft?

Das Training hatte stellenweise etwas von militärischem Drill. Los ging es mit Laufen, Armkreisen und Fitnessübungen. Danach kamen Schläge, Tritte, Blocks und Befreiungen. Die Bewegungen wurden zunächst geübt und anschließend unter Belastung ausprobiert. Eine Technik langsam mit einem kooperativen Partner hinzubekommen, ist eine Sache. Sie noch abrufen zu können, wenn man außer Atem ist und jemand Druck macht, eine ganz andere.

Am meisten Spaß hatte ich beim Pratzentraining. Einer hält die Schlagpolster, der andere schlägt darauf. Das klingt überschaubar, ist aber ein ziemlich ehrlicher Fitnesstest. Die Trainingspartner wechselten ständig. Mal stand mir jemand mit Kickbox-Erfahrung gegenüber, bei dem ich jedes zusätzliche Kilo hinter dem Schlag spürte. Dann wieder jemand mit weniger Kraft, der mich dafür technisch überraschte. In der großen Gruppe konnte ich mich jedenfalls nicht auf einen einzigen Partner einstellen.

Ein Schlag tut tatsächlich weh

Zum Training gehörte auch, sich daran zu gewöhnen, getroffen zu werden. Wir trugen Schutzausrüstung und die Treffer waren kontrolliert. Einen ordentlichen Schlag gegen die Rippen habe ich trotzdem noch Tage später gemerkt. Das muss man erst einmal als Freizeitbeschäftigung gut finden.

Für mich hatte es einen Lerneffekt: Ich habe gemerkt, dass ich nach einem Treffer noch denken und handeln kann. Vorher war schon die Vorstellung, einen Schlag abzubekommen, ziemlich unangenehm. Durch das Training verlor sie etwas von ihrem Schrecken. Schmerzhaft blieb es natürlich trotzdem.

Mein Highlight: Sparring im Kreis

Beim freien Sparring stellten wir uns im Kreis auf und hielten die Arme hoch. In diesen improvisierten Ring gingen zwei oder teilweise mehrere Leute gleichzeitig. Mit Mundschutz, Tiefschutz und Schienbeinschonern wurde geboxt und getreten. Es ging ordentlich zur Sache und hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht.

Hier konnte ich ausprobieren, was von den geübten Bewegungen unter Druck noch übrig blieb. Ein unerwarteter Schlag, kurz die Orientierung verlieren, einen Treffer kassieren und weitermachen: Das war deutlich anstrengender als das Üben einzelner Techniken. Als Ergänzung zu meinem normalen Kraftsport hat mir das ausgezeichnet gefallen. Nach einer Einheit wusste ich jedenfalls, was ich gemacht hatte.

Das sind meine Boxhandschuhe für das Sparring

Auf den Trainer kommt es an

Dass ich mich bei all dem wohlgefühlt habe, lag wesentlich an Julian von der Krav Maga Base Hannover. Bei diesem Training kommt man sich körperlich ziemlich nahe. Man greift sich, hält sich fest und übt miteinander Situationen, die bewusst unangenehm sind. Dafür muss ich meinem Gegenüber vertrauen können.

Julian hat es geschafft, dass das Training hart war und der Umgang miteinander trotzdem respektvoll blieb. Niemand musste irgendetwas beweisen und niemand wurde vorgeführt. In unserer gemischten Gruppe mit vielen Frauen und unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen hat das aus meiner Sicht sehr gut funktioniert. Das war mir wichtiger als die Frage, wie spektakulär eine Technik aussieht.

Schießtraining an der echten Waffe

An einem Wochenende konnten wir unabhängig vom regulären Krav-Maga-Training an einem legalen Schießtraining auf einem Schießstand teilnehmen. Unter professioneller Anleitung haben wir dort verschiedene echte Waffen ausprobiert. Das war selbstverständlich legal und professionell überwacht. Der Bezug zum Krav Maga war trotzdem da: Im Training hatten wir uns mit dem Entwaffnen eines Angreifers beschäftigt. Auf dem Schießstand ging es nun darum, selbst Erfahrungen im Umgang mit Schusswaffen zu sammeln.

Gefühlt haben wir dabei das halbe Waffenmenü von Counter-Strike durchprobiert: von Kleinkaliberwaffen über Pistolen und Gewehre bis zur Shotgun. Diesmal allerdings mit echter Munition. Vor dem ersten Schuss hatte ich entsprechend großen Respekt. Den Rückstoß hatte ich mir bei allen ausprobierten Waffen deutlich stärker vorgestellt.

Überrascht hat mich auch, wie genau ich auf dem Schießstand treffen konnte. Selbst auf größere Entfernung gelangen mir mit dem AR-15 präzise Treffer. Das fand ich faszinierend. Eine echte Waffe abzufeuern, war für mich jedenfalls eine eindrückliche Erfahrung, die mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

Was nach anderthalb Jahren bleibt

Nach anderthalb Jahren Krav Maga glaube ich nicht, dass ich jeden Straßenkampf gewinnen würde. Dafür habe ich im Training oft genug gemerkt, wie schnell ich unter Druck an meine Grenzen komme. Trotzdem fühle ich mich in unangenehmen Situationen sicherer als vorher. Ich achte stärker auf meine Umgebung und weiß besser, wie ich auf körperlichen Druck reagiere. Gerade rund um den Hauptbahnhof in Hannover bin ich über die zusätzliche Aufmerksamkeit ganz froh.

Im besten Fall brauche ich die geübten Techniken nie. Das Training selbst hat sich für mich durch den Spaß, die Fitness und das zusätzliche Selbstvertrauen gelohnt. Und Sebastian und ich wissen jetzt, warum ein guter Tiefschutz sein Geld wert ist.

Wer hat Bock? Kommt zur Krav Maga Base Hannover und Hildesheim: https://www.krav-maga-base.de


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